Piko 52880: DR-Baureihe VT 2.09 (771/772)

Die Deutsche Reichsbahn machte sich einige Jahre nach der DB daran, neue Triebwagen für den Nebenbahndienst zu beschaffen. Der VEB Waggonbau Bautzen lieferte im Jahre 1957 das erste Baumuster eines zweiachsigen Fahrzeuges in Stahlleichtbauweise, ausgestattet mit einem Unterflur-Dieselmotor mit einer Nennleistung von 130 PS. dieser Motor stammt von VEB Dieselmotorenwerk Berlin-Johannesthal. Ein zweiter Prototyp, ebenfalls vom Waggonbau Bautzen gefertigt, erhielt einen Dieselmotor mit einer Leistung von 180 PS. Durch die Verwendung von Leichtmetall für einige Bauteile, konnte die Fahrzeugmasse etwas niedriger gehalten werden. Für die mit der Betriebsnummer VT 2.09.003 beginnende Serienfertigung wählte man jedoch wieder den Stahlleichtbau. Die 180 PS-Dieselmotoren kamen vom VEB Elbewerk Roßlau. Unter eine leichte Mittelpufferkupplung der Bauart Scharfenberg konnten die in derselben Form ausgeführten Steuerwagen gekuppelt werden. Die neuen Fahrzeuge erhielten die Betriebsnummern VT 2.09.001 bis 070 und wurden 1970 in 171.001 bis 070 umgezeichnet.

Der VEB Waggonbau Bautzen ließ ab 1965 in einige Fahrzeuge eine Vielfachsteuerung einbauen. Damit lassen sich von einem Führerstand aus auch zwei Maschinenanlagen steuern. Die Wagenkästen wurden als Schweißkonstruktion in selbstragenden Leichtbau ausgeführt. Die gesamte Maschinenraumanlage ist unterhalb des Wagenbodens im Fahrgestellrahmen befestigt. Der Unterflur-Dieselmotor mit sechs liegenden Zylindern und mit einer Nennleistung von 180 PS wurde vom VEB Elbewerk Roßlau geliefert. Die Sechsgang-Schaltgetriebe stammen vom VEB Getriebewerk Gotha. Gegenüber den Prototypen war die Scharfenberg-Mittelpufferkupplung schon bei der ersten Serie verstärkt worden. Um Beschädigungen des Wagenkastens zu vermeiden, wurden in Pufferhöhe der Regelfahrzeuge ungefederte Notpuffer angebracht. Sowohl die Trieb- als auch die Bei- und Steuerwagen haben auf jeder Wagenseite zwei Drehfalttüren erhalten. Die dafür ausgestatteten Fahrzeuge erhielten die Betriebsnummern VT 2.09.101 bis 116 und VT 2.09.201 bis 273, sie wurden 1970 in 172.001 bis 016 und 172.101 bis 173 umgezeichnet. Eine weitere Umzeichnung erfolgte dann bei Übergang in die DB AG, seit 1994 werden die Fahrzeuge als Baureihe 771 und 772 geführt.


Modellvorstellung

Die Ankündigung des VT 2.09 samt Beiwagen VS 2.08 der Deutschen Reichsbahn war eine weitere Überraschung im Piko-Neuheitenprogramm 2019. Die Formneuheit wurde in der Ursprungsausführung der Epoche III angekündigt, das der Hersteller sogar mit Loksound (52882, UVP € 309,99) anbietet. Natürlich stehen die Modelle auch für den Dreileiter-Wechselstrombetrieb (52881 ohne/52883 mit Sound, UVP € 259,99 bzw. € 319,99) zur Verfügung. Zur Vorstellung gelangt die Artikelnummer 52880, die Analogausführung ohne Loksound. Der UVP beträgt € 219,99.

Verpackung

Piko liefert die liebevoll auch als „Ferkeltaxe“ bezeichnete Fahrzeuggarnitur in seiner neuen Verpackung aus. Beide Fahrzeuge sind einzeln verpackt und werden durch einen stamm sitzenden Kartonumschlag festgehalten. Aber Achtung, da die Fahrzeuge ein unterschiedliches Eigengewicht besitzen, besteht infolge der fehlenden Klammer zwischen beiden Verpackungen die Gefahr, daß ein Schachtelteil herausfallen kann.

Jedes Fahrzeug ist ein einer zweiteiligen Blisterverpackung abgelegt. Durch Abzug des Plastikdeckels ist das Herausnehmen des Schienenbusses auf der paßgenauen Plastikverpackung möglich. Jedes Fahrzeug ist in Plastikfolien eingewickelt. Die Betriebsanleitung ist in einem eigenen Kuvert abgelegt und im bodenseitigen Schlitz der Kartonverpackung verstaut. Ein Zurüstbeutel ist in der Blisterbox eingeklebt, darin ist elektrische Kupplung zwischen VT und VS abgelegt.

Technik

Bei der Unterbringung der Antriebstechnik orientierte sich Piko streng am Vorbild. Die Anordnung der technischen Komponenten wurde aber wie schon beim DB-Schienenbus in gleicher Weise gelöst. Der Motorwagen ist angetrieben und daher schwerer als der antriebslose Steuerwagen. Die Antriebskomponenten sind zwischen dem Fahrzeugboden und der Innenraumnachbildung untergebracht. Das Fahrzeuggehäuse ist über die beidseitige Mittelpufferkupplung am Fahrzeugrahmen befestigt. Nach dem Herausziehen dieser Teile läßt sich das Gehäuse nach oben abziehen, womit der „Fahrgastraum“ freigelegt ist. Dieses Formteil ist über zwei Schrauben befestigt, erst nach der Entfernung wird das technische Innenleben des Fahrzeuges offengelegt.

Die Fahrzeugplatine erstreckt sich über die gesamte Fahrzeuglänge und beinhaltet für den Digitalbetrieb eine 22polige Digitalschnittstelle nach NEM 658 (PluX22), die über ein eigenes Teil im Fahrgastraum kaschiert wird. Für den Antrieb dient ein kleiner Mittelmotor mit Schwungmasse, der über zwei Achshalter befestigt ist und der über zwei Wellenstummel die beiden Fahrzeugachsen antreibt. Der Triebwagen kommt ohne Haftreifen aus.

Piko hat das Modell mit einer Kurzkupplungskulisse ausgestattet. Allerdings verfügt das Fahrzeug über keinen NEM-Normschacht. Die vordere Kurzkupplungskulisse ist nämlich mit einem Deckel verschlossen, an der hinteren befindet sich eine elektrische Steckverbindung. Beim Steuerwagen ist die Ausführung ähnlich, indem auf einer Fahrzeugseite die Kulisse völlig offen ist, auf der anderen Fahrzeuge ist zwar die elektrische Kupplung offengelegt, aber mittels Deckel ungeweglich gemacht. Die Verbindung zwischen den einzelnen Wageneinheiten wird über eine spezielle, stromführende Kurzkupplung hergestellt, mit welcher auch die Stromversorgung für die Innenbeleuchtung der nachgereihten Wagen sichergestellt wird.

Das Öffnen des Steuerwagens erfolgt nach derselben Methode wie der Triebwagen. Die Inneneinrichtung ist stattdessen auf den Fahrzeugrahmen geklippst, darunter ist die Fahrzeugplatine enthalten, die als Kabelverbindung zu den Kupplungen dient.

Fahrverhalten

Mit 265 bzw. 149 Gramm Eigengewicht zählen der Motor- bzw. der Steuerwagen zu den Leichtgewichten. Das Vorbild hat eine Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h. Messungen bei 12 V Gleichstrom ergaben umgerechnete Werte im Analogbetrieb von ca. 104 km/h. Die berechnete Modellgeschwindigkeit ist gegenüber der Vorbildgeschwindigkeit um ca. zwei % zu schnell, gegenüber dem NEM-Wert – unter Berücksichtigung der Erhöhung um 30 % – ist die Modellgeschwindigkeit um ca. 28 % zu langsam.

Optik

Die Modellkonstruktion zeichnet sich durch die korrekte Nachbildung des Vorbildes aus. Das vorliegende Modell ist an den Seitenwänden mit zahlreichen Gravuren versehen, die sich bei den Drehfalttüren genauso befinden und an den Fahrzeugschürzen gut sichtbar sind. Das Lüftergitter weise ebenso tiefe Gravuren aus, weitere Detailierungen betreffen die Türgriffe oder auch die zierlich ausgeführte Zierlinie im erhabenen Zustand. Die markante Fahrzeugsilhouette ist bei dieser Neukonstruktion tadellos nachempfunden, die frontseitigen Lichter haben feine Lampenfassungen. Die Fenstereinsätze sind paßgenau, die feinen Fensterstege des Fensterbandes sind natürlich ein absoluter Hingucker. Im Fahrzeugraum besteht freier Durchblick. Der Wagenboden ist mit einigen Details versehen.

Der Steuerwagen weist zum Motorwagen keine äußeren, baulichen Unterschiede auf. Dafür unterscheidet sich der Fahrzeugboden, bei dem nur wenige Anbauteile vorhanden sind. In beide Fahrzeuge sind die Heizkupplungen bereits montiert.

Farbgebung und Beschriftung

Beide Fahrzeuge sind sauber lackiert. Sehr gut getroffen ist die erhabene, silbern lackierte Zierlinie unterhalb des Fensterbandes und auf Höhe des Fahrzeugbodens an den Seitenwänden. Alle Anschriften sind trennscharf uns lupenrein ausgeführt. Der Motorwagen erhielt die Betriebsnummer VT 2.09.239, der Steuerwagen VS 2.08.239. Beide Fahrzeuge sind beim Bw Templin stationiert , Erhaltungswerkstätte ist das Raw Wittenberge. Beim Triebwagen und Steuerwagen sind als letzte Revisionsanschriften die letzte Bremsuntersuchung Gz 14.8.69 angegeben.

Beleuchtung

Die Modelle sind mit warmweisen LED ausgestattet. Diese finden sich bei der Stirnbeleuchtung und der Innenbeleuchtung. Die Spitzenbeleuchtung wird weiß dargestellt und wechselt fahrtrichtungsabhängig auf das rote Schlußlicht. Die elektrische Kupplung stellt die korrekte Darstellung der Spitzen- und Schlußbeleuchtung von Trieb- und Steuerwagen sicher.


Bilder – VT


Bilder – VS


Etwas mehr Geschichte – vertiefende Angaben

Prototypen, Nullserie und drei weitere Bauserien lieferte Bautzen zwischen 1963 und 1965 als VT 2.09.001 / VB 2.07.501 bis VT 2.09.070 / VB 2.07.570. Den Wunsch nach Vielfachsteuerung und Bedienung vom Steuerwagen aus erfüllte der hersteller und lieferte ebenfalls 1964/65 insgesamt 16 Pärchen als VT 2.09.101 / VB 2.07.101 bis VT 2.09.116 /VS 2.09.116. Danach übernahm der Waggonbau Görlitz die Fertigung der Triebwagen, wobei es zu einer gründlichen Überarbeitung der Rahmenkonstruktion kam, die zuvor in den VT 2.09.105 und VT 2.09.113 erprobt wurde. Der Betrieb mit Steuerwagen erlaubte jetzt eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h. Im Jahr 1969 kamen die VT 2.09.201 bis 273 / VB 2.07.201 bis 273 auf die Gleise der DR zum Einsatz. Bei der Bezeichnung bedeuten VT Triebwagen, VB Beiwagen und VS Steuerwagen. Die Ziffer 2 bedeutet nach der DR-Nomenklautur 1/100 der Antriebsleistung in PS, 09 / 07 / 08 stehen für 1/10 der zulässigen Höchstgeschwindigkeit in km/h.

Die Fahrzeuge erhielten 1970 EDV-gerechte Bezeichnungen: Die VT 2.09.0 und VB 2.07.5 wurden zur neuen Baureihe 171.0 bzw. 171.8 umgezeichnet, die VT 2.09.1 /VS 2.07.1 wurden zur Baureihe 172.0 und 172.6 und die VT 2.09.2 und VS 2.08.2 wurden zur Baureihe 172.1 und 172.7 umgeschrieben. Bei der Baureihennummer 1 spricht man von einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor und 7 als Neubautriebwagen aus der DDR-Produktion. Bei der Ordnungsnummer unterscheidet die erste Stelle die Bauart: 0 bis 2 stehen für Triebwagen, 3 bis 5 Mittelwagen, 6 und 7 Steuerwagen sowie 8 und 9 als Beiwagen. Nach dem Zusammenschluß von DR und DB zur DB AG erfolgte die Umzeichnung nach den Grundsätzen der DB (AG). Unter Beibehaltung der letzten beiden Stellen der Baureihennummern wurden diese zu 771.0 / 971.0, 772.0 /972.6 und 772.1 /972.1 umgezeichnet. Dabei steht die 7 für Schienenomnibusse, 9 für Steuer-/Mittel- oder Beiwagen. Die Ordnungsnummern beginnen mit 0 bis 5 bei den Mittel- und Beiwagen sowie 6 bis 9 für die Steuerwagen.

Ab 1993 erfaßt die Ferkeltaxen eine große Modernisierungswelle. Dies bedeutete einen Motortausch, Einbau eines geschlossenen Führerstandes, Austausch der Stirnfronten bei den Panoramascheiben-Wagen, Ausrüstung mit Vielfachsteuerung und dem Zugsicherungsssytem PZB 80 (Indusi-Bauart der DR), sowie die Nahverkehrslackierung in Mittürkis / Pastelltürkis / Lichtgrau.

Die Deutsche Reichsbahn rüstete auch die Beiwagen 971.0 zu Steuerwagen 971.6 um: 971.005, 013, 014, 026, 029, 040, 046, 048 bis 050, 052, 058, 065 und 069 wurden so baulich verändert. Zu Umzeichnungen bei den Triebwagen führte der Austausch des Elektroschaltgetriebes durch ein hydraulisches Voith-Diwa-Getriebe. Im Jahr 1994 entstanden aus den Beiwagen 971.060, 041, 053, 047, 044, 063 durch Rahmenumbau und Einbau einer Maschinenanlage die Triebwagen 772.174 bis 179. Elf 771.0 bildeten ab 1995 und 1996 durch Rahmen- und Getriebeumbau die neue Unterbaureihe 772.3: 012, 016, 019, 022, 032, 039, 042, 045, 053, 067 und 068. Die auf Usedom tätigen 71.014 / 971.614 und 771.050 /971.650 erhielten 1998 Erdgas-Motoren eingebaut und wurden deshalb mit den neuen Betriebsnummern 772.201 bis 202 und 972.201 bis 202 geführt. Bei den 772 waren nur Bautzener Fahrzeuge von grundlegenden Umbauten betroffen. Durch Rahmenverstärkungen und Getriebeumbau wurden 1995 die 772.002, 005, 006, 013, 014 und 016 zur neuen Sub-Baureihe 772.4 umgezeichnet. Die zugehörigen Beiwegen 972.6 hießen seither 972.5. Einzig der verunglückte 972.602 wurde durch den 972.734 ersetzt, der zum 972.502 wurde. Wegen eines Unfallschadens des 972.750 belegte der 972.770 diese Nummer ohne Umbau neu.