Artikel im Bahn-Manager 2/2016

Fortsetzung folgt, dank glorreicher Leistungen der Betroffenen. Ein heißer Kandidat ist jedenfalls die ÖBB-Kommunikation – hier liegt vieles noch im Argen.

Der Artikel im Wortlaut:

IM KERN EINE LEIDER ERNÜCHTERNDE BILANZ

CHRISTAN KERN WAR VOM 7. JUNI 2010 BIS 17. MAI 2016 BOSS DER ÖBB, JETZT IST ER BUNDESKANZLER.WAS HAT ER IN SEINER ZEIT ALS BAHNCHEF BEWEGT? EIN SEHR PERSÖNLICHES FAZIT.

Christian Kern gilt als Topmanager Österreichs. Auch deshalb ist er Bundeskanzler geworden. Doch wie ist es um seine Management-Qualitäten wirklich bestellt? Wer das verstehen will, sollte sich seine Bilanz als Chef der ÖBB genauer ansehen – denn der wahrnehmbare Output seines Tuns am Markt ist durchaus kritisch zu sehen.

Also zuerst die nüchternen Zahlen. Während sich die Umsatzerlöse in den letzten fünf Jahren nur unzureichend um 0,7 Prozent (35,9 Millionen Euro) erhöhten, sind die Gesamterträge um 4,33 Prozent (263,2 Millionen Euro) gestiegen. Das EBT (Gewinn ohne Steuern) stieg von -329 ,8 Millionen auf 193 Millionen Euro. Das entspricht einem Zuwachs von rund einer halben Milliarde Euro in fünf Jahren. Während die Umsätze stagnierten, die Gesamterträge auch nur unzureichende Wachstumsraten aufweisen, ist die Ursache für diese Ergebnisverbesserung in den Ausgabenpositionen für Aufwendungen zu suchen, währenddessen das Finanzergebnis mit rund 80 Millionen zur Verschlechterung des Ergebnisses beitrug. Die Reduktion der Aufwendungen für Material und bezogene Leistungen, aber auch der sonstige betriebliche Aufwand schlagen mit jeweils 15,35 Prozent (317,6 Millionen Euro) beziehungsweise 11,22 Prozent (57 Millionen Euro) zu Buche. Dies zeigt, dass der wirtschaftliche Turnaround nur durch harte Sparmaßnahmen erzielt wurde. Die Entwicklung des Personalaufwandes (-3,03 Prozent) hinkt dem gesunkenen Personal stand (-5,72 Prozent) hinterher. Der künftige Ersatz von mehr als einem Viertel der Belegschaft – es stehen kurz- bis mittelfristig rund 11.000 Personen zur Pensionierung an – trägt ohne nachhaltige Strukturreformen spürbar zur Erhöhung des EBT bei (wie bereits 2014 und 2015 zu beobachten war).

GEWINN VERSUS KUNDENSERVICE

Die Bilanz von Christian Kern ist das eine. Die Auswirkungen des geschäftlichen Gebarens auf den Markt eine andere. Fakt ist: Unter der Ära Kern wurde das Leistungsspektrum und Serviceangebot laufend nach unten nivelliert – und viele seiner Erfolge sind zudem Einmaleffekte die sich durch Veräußerungen erklären.

So wurde der Kundenservice auf allen Ebenen zurückgefahren (kürzere Öffnungszeiten, Schließung von Vertriebseinrichtungen). Der Anruf im Callcenter ist kostenpflichtung und zeitaufwändig. Im Störungsfall ist ein langes Verweilen in der Warteschleife programmiert – das nicht selten zur Farce wird. Dieses Problem wurde mit der Verlagerung des Personals in die Betriebsfernsteuerungszentralen (BFZ) noch verschlimmert. Man nahm sich freiwillig die Möglichkeit zur örtlichen Lageeinschätzung. So geschehen Ende April in Kärnten, als wegen Unwettern der gesamte Zugverkehr eingestellt werden musste (und sich die Kunden im Rundfunk über mangelnde Informationen beschwerten). Ein zweites Beispiel: Am 14. April 2016 blockierte ein liegender Baum bei Schönwies die Fahrleitung – und für die Schadensbeseitigung benötigten die ÖBB einen halben Tag.

Die Personaleinsparung macht sich auch im Zugbetrieb sichtbar. Während die SBB zwei beziehungsweise der DB Fernverkehr drei Zugbegleiter bei den ÖBB-Railjet-Zügen einsetzt, ist auf den ÖBB-Strecken nur ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin zu sehen. Das Problem der Einnahmensicherung wird ignoriert. Ebenso kommt der Kundenservice im Zug zu kurz, da das ÖBB-Personal nie aufzufinden ist. Probleme bereiten dann reservierte und nicht korrekt belegte Plätze oder auch der zugesicherte, aber fehlende Am-Platz-Service. Nicht zuletzt erschwert es die Gewährleistung der Sicherheit – es ist eben ein Problem, wenn Unauffälligkeiten zu melden sind, aber der Zugbegleiter im ganzen Zug gesucht werden muss.

RÜCKBAU VON INFRASTRUKTUR(EN)

Die Bahnhofsumbauten in der letzten Zeit gleichen Verschlimmbesserungen:
allgemein akzeptierte Einrichtungen werden für immer eingespart. Wer heute eine modernisierte Verkehrsstelle der ÖBB betritt, sucht vergebens einen ordentlichen Warteraum, WC-Anlagen und Informationsmonitore. Diese Anlagen waren zuvor mit Personal vor Ort besetzt, die im Reisendenverkehr für Auskünfte und Hilfestellungen bereit standen. Zudem existierte dort ein witterungsgeschützter Warteraum, der im Winter auch beheizt war und ausreichende Sitzmöglichkeiten bot. Und heute? Gerade die neuen, aus Metall gefertigten Sitzbänke widersprechen jedem ergonomischen Gedanken und verletzten womöglich auch die Verkehrssicherungspflichten der ÖBB gegenüber seinen Kunden. Der ersatzlose Wegfall der WC-Anlagen ist ein Rückschritt in der Versorgung. Das Weglassen automatisierter Kundeninformationssysteme sorgt für einen Niedergang des Kundenservices. Bei betrieblichen Hinternissen steht der Fahrgast nicht selten buchstäblich im Regen. Auch der Versuch, dieses Manko durch Schilder zu kompensieren, ändert nichts an der Tatsache, dass die Informationsbereitstellung noch immer als Bringschuld des Unternehmens anzusehen ist. Stattdessen wird man genötigt, ein Smartphone zu benutzen und teure Datentarife zu kaufen.

WIENER IMMOBILIENDEALS

Sämtliche ÖBB-Verkehrsanlagen sind – weil die ÖBB ein Staatsbetrieb ist – steuerfinanziert und zählen deshalb, pathetisch formuliert, zum Volksvermögen: immense Besitztümer an Grundstücken, Gebäuden und Anlagen, die nur unzureichend einer ordentlichen Bewirtschaftung unterzogen werden. Brach liegende Grundstücke werden vielfach verscherbelt. Gerade in Ballungszentren wie Wien fanden zuletzt auf dem Areal des Nordbahnhofes oder auch im Dreieck rund um den neuen Hauptbahnhof Wien millionenschwere Immobiliendeals statt. Der Bau des neuen Wiener Hauptbahnhof stellte dabei nur eine schöne Begleitmusik dar.

Noch schlimmer sieht es bei der Bausubstanz in der Fläche aus. Durch die Konzentration der Betriebsführung in fünf BFZ stehen immer mehr Bahnhofsgebäude leer. Unvorteilhafte Miet- und Pachtverträge sorgen für leer stehende Wohnungen (bundesweit) und auch für Zurückhaltung bei Pächtern in ungünstigen Verkehrslagen – speziell auf den Nebenbahnen und wenig frequentierten Bahnhöfen. Die leer stehenden Gebäude werden daher dem Verfall preisgegeben. In manchen Regionen verlieren die Bahnhöfe ihre sozialen und wirtschaftlichen Bezugspunkte für die Region und den regionalen Tourismus. Das wiederum wirkt sich negativ auf die Attraktivität einer Bahnlinie aus. Gleichzeitig lässt man sich jede Verbesserungsmaßnahme von Gemeinden, Tourismusverbänden und den Bundesländern teuer bezahlen.

Im Extremfall werden nicht mehr benötigte Gebäude geschliffen (Patsch, Brixlegg, Kirchbichl, Brixen im Thale, Bruckhäusl) oder haben es noch vor sich (nördlicher Bahnhofstrakt Kufstein, Großraming, Kematen). Für weitere Gebäude wie in Hopfgarten, Westendorf, Leogang, Bichlbach-Berwang wurden zwar Käufer gefunden. Doch vermisst wird ein ganzheitliches Vermarktungskonzept zur Einnahmensicherung! Der Höhepunkt dieser Fehlentwicklung ist der Ersatz von funktionierenden Bestandsanlagen durch unnütze und nicht dem Kundenzweck dienende Haltestellenhäuschen zu nennen, die die Kunden keinen Schutz vor jeder Witterung bieten können (Heiterwang-Plansee, Lähn).

KRITIKFÄHIGKEIT: MANGELHAFT

Christian Kern gilt als ein Mann der Kommunikation, der vor allem dann in der Öffentlichkeit auftrat und sie nutzte, wenn es galt, Botschaften zu vermitteln. Gab es jedoch größere Störungen oder Probleme im Konzern, ging er auf Tauchstation und ließ sich von Mitarbeitern der dritten oder vierten Reihe vertreten (zum Beispiel bei der Entgleisung am Semmering am 1. Dezember 2015). Offene Kritik konnte er weniger gut vertragen. Kritiker und kritische Journalisten übersah er zum Teil. Heißt konkret: Auskunftsverweigerung, Facebook-Sperren – nicht nur bei seinem Account, auch auf der ÖBB-Facebook-Seite. Selbst einfachste Anfragen blieben unbeantwortet.

FAZIT: EINE NEUE IDEE MUSS HER

Was hat das zu bedeuten? Die Betrachtung des aktuellen Wirtschaftsgebarens der ÖBB lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Staatsbahn war und ist bereit, vieles dem kurzfristigen Erfolg unterzuordnen. Das ist schade und kostet Sympathien. Die neue ÖBB-Führung könnte diese Strategie eventuell aus Bequemlichkeit weiterverfolgen. Dabei wäre dringend ein neues Konzept nötig!

Mag. Markus Inderst
Fachjournalist, Österreich,
und Prüfer des Rechnungshofes
der Republik Österreich a. D.