Roco 74162 / 74094: ÖBB-Spantenwagen

Die Hauptwerkstätte Knittelfeld hat am Wiederaufbau des österreichischen Eisenbahnverkehres einen beachtlichen Anteil genommen. In dieser Werkstätte wurden in nur vier Jahren nach dem Krieg allein 12.000 Waggons wieder betriebsfähig hergerichtet. Dabei wurden alle Möglichkeiten der Arbeitsbeschleunigung ausgenützt, darunter das Fließbandverfahren und die Akkordarbeit. Während in diesem Werke bis zum Jahre 1926 eine einzige Arbeitsgruppe die Ausbesserung eines Fahrzeuges, zum Beispiel einer Lokomotive besorge, hat sich die Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg dort weitgehendst in Teilarbeitsgänge zerlegt und wurde durch Spezialarbeiter durchgeführt. Um ein klagloses Zusammenarbeiten der Abteilungen und der Arbeitsgruppen zu gewährleisten, wure bereits bei Eintritt des Fahrzeuges in das Werk der Schadensumfang festgestellt und die Fristen für die Fertigstellung des gesamten Fahrzeuges wie der einzelnen Teile festgelegt. Im Zuge einer weiteren Rationalisierung des Betriebes wurde sowohl in der Lokomotivmontage wie in vielen Einzelfertigungen das Fließverfahren eingeführt. Dieses bestand darin, daß die einzelnen Bestandteile eines Reparaturstückes in bestimmten Zeiten („Taktzeiten“) von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz wandern, also nicht der Arbeiter zum Reparaturstück, sondern das Reparaturstück an seinen Arbeitsplatz kommt. In der Lokomotivabteilung des Werkes wurden damals auf zwei Fließstraßen im 4-Tage-Takt gearbeitet, sodaß zwangsläufig – also alle vier Tage – zwei generalüberholte Maschinen das Werk verließen. Die besondere Leistungsfähigkeit des Werkes war aber durch die 245 Meter lange Lokomotiv-Richthalle geschuldet, die übrigens die längste in ganz Österreich war. In ihr wurden rund 695 Lokomotiven in dieser Zeit (bis 1949) überarbeitet und in Stand gesetzt.

Der besondere Stolz der Hauptwerkstätte Knittelfeld ist jedoch ein neuer Personenwagentyp, der sog. Spantenwagen. Der größte Teil der Personenwagen der ÖBB, deren Wagenkasten durch Kriegseinwirkungen zerstört oder infolge Alters erneuerungsbedürftig wurde, erhielten, falls ihr Untergestell noch verwendbar war, bisher Holzkasten aus Eichenholz, und ein geringer Teil genietete Stahlkasten. Um dazumal die einmalige Gelegenheit, eine große Zahl zerstörter Kasten neu aufzubauen, für die Schaffung eines modernen Personenwagen-Fahrparks voll auszunützen, wurde von der Hauptwerkstätte Knittelfeld ein vollkommen geschweißter Stahlkasten in einer neuen „Spantenbauart“ entwickelt. Schon beim Aufbau der ersten Versuchswagen zeigte sich, daß diese neue Bauart so große Vorteile aufweist, daß man sich entschloß, neue Kasten auf vorhandene Untergestelle nur mehr in Spantenbauart auszuführen. Das Neuartige bei dieser Bauweise war, daß auf das Untergestell „Spanten“ aufgestellt und mit demselben elektrisch verschweißt wurden.

Unter einem Spanten versteht man eine in sich geschlossene Winkeleisenform, die dem Kastenquerschnitt entspricht. Um die Maßhaltigkeit der Fensterfelder zu gewährleisten, werden je zwei Spanten in einer besonderen Vorrichtung zu einem Fensterelement verbunden, sodaß diese Fensterelemente untereinander vollkommen gleich und auswechselbar waren. Der Länge des Wagenkastens entsprechend, wurden nun diese Fensterelemente auf das Untergestell gesetzt,
mit diesem verschweißt und untereinander mit Winkeleisen verbunden. An die Spanten wurde dann mittels Lochschweißung ein 2 mm starkes Bekleidungsblech und ein 1,5 mm starkes Dachblech angeschweißt. Neu war ferner, daß die Innenauskleidung des Stahlgerippes durch zwei auf der rauhen Seite miteinander verleimte Hartfaserplatten ausgeführt wurde. Geschweißte Leichtbau-Stahltüren mit Sicherheitsschlössern, sowie 850 mm breite Leichtmetallfenster mit Gewichtsausgleich verliehen dem Wagen ein schönes und modernes Aussehen. Zur Verminderung der von den Reisenden oft lästig empfundenen Zugluft wurden ca. 2 Meter hohe Trennwände zwischen den Rückenlehnen eingebaut. Neu war auch der Einbau einer Trittbrettbeleuchtung, die durch das Öffnen der Eingangstür eingeschaltet wurde und dem Schaffner durch ihr Licht offene Türen anzeigte. Für die zweite Klasse wurden neue Polstersitze mit Stahlrohrgestellen entwickelt. Alle Einrichtungsteile wie Fenster, Türen, Sitze, Wände, Bekleidungsplatten und Füllhölzer könnten beim neuen „Spantenwagen“ in vollkommen gleichen Größen zentral und damit billig als Tauschteile angefertigt werden.

Die Vorteile des neuen „Spantenwagens“ waren zentrale und damit billige Massenanfertigungen der Spanten, leichter und rascher Zusammenbau in allen Werkstätten für die verschiedenen
Wagenlängen, einheitliche Form des Wagenquerschnittes für alle Wagen, wesentliche
Verbilligung des Kastenaufbaues. Dies ergab im Vergleich zu einem Holzkastenwagen eine Einsparung von ca. 1.000 Arbeitsstunden, Ersparung von Eichenholz und damit von Devisen, festere Wagen durch verschweißtes Stahlgerippe und damit größere Lebensdauer des Kastens und erhöhte Sicherheit für die Reisenden, Gewichtsersparnis von rund 1.000 kg im Vergleich
mit einem Wagenkasten aus Eichenholz.

Die ersten Probefahren standen seit dem Dezember 1948 in Verkehr, danach folgte der Bau von zwei Serien sowie den Weiterbau der Wagen im großen Stil. Daran beteiligt waren auch die Hauptwerkstätten Simmering, St. Pölten, Linz und Feldkirch, sowie die Waggonfabrik Graz und das Aluminiumwerk Ranshofen bei Braunau haben mit dem Serienbau der Spantenwagen begonnen. Diese Spezialanfertigung der Hauptwerkstätte Knlttelfeld mit ihrem besonderen Schweißverfahren hat bei der übrigen metallverarbeitenden Industrie für Aufsehen erregt, die freudig die neuen Methoden des Lochschweißverfahrens übernommen hat. Der Spantenwagenumbau reichte dann noch weit bis in die 1960er Jahre hinein und umfaßte sowohl normalspurige als auch schmalspurige Personenwagen.


Modellvorstellung

Der Salzburger Hersteller Roco hat vor mehr als einem Jahrzehnt die Formen der Firma Klein Modellbahn übernommen und damit auch die Konstruktionen der KMB-Spantenwagen. Da diese Wagen in die Jahre gekommen sind, hat sich Roco anläßlich des Neuheitenprogramms 2019 entschlossen, die ÖBB-Spantenwagen einer Formänderung zu unterziehen, indem einerseits fehlerhafte Proportionen der KMB-Wagen berichtigt und andererseits eine Verfeinerung an einzelnen Anbauteilen am Wagengehäuse vorgenommen wurden.

Das Set mit den überarbeiteten Formen wurde als Neuheit 2019 unter der Artikelnummer 74162 angekündigt, welches kurz vor dem Weihnachtensgeschäft in den Fachhandel geliefert wurde. Der UVP der vier Wagen beträgt € 147,90. Das Set besteht aus zwei Raucherwagen, einem Nichtraucherwagen und einem Gepäckwagen mit Raucherabteil, wobei Roco die Modelle teils mit Übersetzfenster und mit Ganzfenster (Fallfenster) ausstattete.

Die Modelle sind gänzlich aus Kunststoff gefertigt und sind wie schon die Vorgängermodelle sehr detailliert. Neu konstruiert wurden auch die Bühnengeländer, die gegenüber ihren Vorgängermodellen feiner ausgeführt sind, neu sind seperat angesetzte Griffstangen und vor allem die größenrichtigen Übersetzfenster bei den Wagen. Die Modelle weisen eine Kurzkupplungskulisse auf, bei allen Wagen wurden der Wagenboden vorbildgerecht nachgebildet, indem auch die unterflur montierten Aggregatkästen korrekt nachgebildet wurden. Die Bedruckung der Modelle ist anstandslos. Der Bremssteller ist mehrfarbig dargestellt. Die genaueren Wagenangaben werden jeweils direkt beim präsentierten Modell gemacht. Es liegen dem Set keine Zurüstbeutel bei.


Bilder 74162/1

Wagengattung: Biho 39056 – Nichtraucherwagen mit Übersetzfenster, Heimatbahnhof: Linz Hbf., Revisionsdaten REV Pn 25.02.69.


Bilder 74162/2

Wagengattung: Biho 39064 – Raucherwagen mit Übersetzfenster, Heimatbahnhof: Salzburg Hbf., Revisionsdaten REV Pn 23.02.68.


Bilder 74162/3

Wagengattung: Biho 39366 – Raucherwagen mit Ganzfenster, Heimatbahnhof: Salzburg Hbf., Revisionsdaten REV Pn 25.02.69.


Bilder 74162/4

Wagengattung: BDiho  47558 – Nichtraucherwagen mit Ganzfenster, Heimatbahnhof Salzburg Hbf, Ausführung mit Zugführerkanzel, Revisiondaten: REV Pn 15.04.69


Modellvorstellung 74094

Auf Basis des zuvor gezeigten Spantenwagen-Sets und in Hinblick auf die bevorstehende Auslieferung der neu konstruierten ÖBB-Diesellok der Reihe 2062 liefert Roco ein dreiteiliges Spantenwagenset aus, das im Erscheinungsbild der Triebwagenanhänger der ÖBB entspricht. Die ÖBB haben im Zuge des Spantenwagenumbaues nicht nur die besagten Spantenwagenserien geschaffen, sondern auch baugleiche Triebwagenanhänger, die keine Wagennummer, sondern im Schema der Triebfahrzeuge usw. geführt wurden. Nähere Daten bzw. Umbaudaten zu diesen Fahrzeugfamilien können im Band 3 der Tiroler Verkehrsschriften nachgelesen werden.

Das Set ist als Neuheit 2020 angekündigt und erwähnt, daß es sich um eine überarbeitete Modellausführung handelt, wobei auch diesmal wie schon bei den Spantenwagen das Dach fälschlicherweise mit Schweißnähten realisiert wurde. Es besteht aus einem Personenwagen 2. Klasse mit Gepäckabteil, welcher zur Gattung BDT mit der Reihenbezeichnung 7037 gehört sowie zwei reinen Personenwagen BT 7039. Die Fahrzeuge unterscheiden sich gegenüber den reinen Spantenwagen als Personenwagen dadurch, daß die Triebwagenanhänger am Wagenboden zusätzliche Aggregatkästen aufgehängt sind. Alle Modelle sind sauber lackiert und auch bedruckt, teilweise ist auf den Modellen die Tafel „Nichtraucher“ aufgedruckt. Die Modelle sind bereits komplett zugerüstet und einsatzfähig. Das Set ist im Handel zum UVP von € 114,90 erhältlich.


Bilder 74094/1

Dieser Wagen ist ein kombinierter Personenwagen 2. Klasse und einem Gepäckabteil mit ausgebauchter Zugführerkanzel. Die Betriebsanschriften lauten: BDT 7037.10, Nichtraucher, Heimatbahnhof: Wien Nordbf., Revisionsanschriften: REV Pn 04.08.70.


Bilder 74094/2

Triebwagenanhänger 2. Klasse, beschriftet als BT 7039.09, Heimatbahnhof: Wien Nordbf., Revisionsanschriften REV Pn 25.02.69.


Bilder 74094/3

Triebwagenanhänger 2. Klasse, beschriftet als BT 7039.11, Nichtraucher, Heimatbahnhof: Wien Nordbf., Revisionsanschriften REV Pn 08.07.70.