Piko 96330: PKP ET 22

Die Polnischen Staatsbahnen waren ab Mitte der 1960er Jahre einem extrem steigenden Zuwachs im Güterverkehr konfrontiert. Moderne Bauarten fehlten, weshalb ab 1966 das Lastenheft für eine neue Universallok mit 125 km/h Höchstgeschwindigkeit erstellt wurde. Die Neukonstruktion sollte sich konstruktiv bei den elektrischen Komponenten an der EU 07 anlehnen. Der Hersteller Pafawag stellte 1969 den ersten Prototyp als ET 22-001 her, der zweite Prototyp folgte wenige Monate später 1970. Die Bewährung der neuen Type sorgte für eine Anschlußbestellung im Jahr 1971 über zehn Lokomotiven. Die PKP nahm insgesamt 1.184 Lokomotiven dieser Type bis zum Jahr 1990 in Betrieb, von der typenverwandten EP23 wurde lediglich 1973 ein Exemplar als 160 km/h schnelle Schnellzuglok in Dienst gestellt. Die Lokomotiven wurden mit Tatzlagermotore des bewährten Typs EE 541 verstehen und erbrauchten somit eine Stundenleistung von 3.120 kW bzw. 3 MW Dauerleistung. Die ET 22 waren in der Lage, schwere Güterzüge von bis zu 3.150 t mit 70 km/h zu traktionieren. Selbst bei 80 km/h waren immer noch 2.700 t Anhängelast möglich. Die Höchstgeschwindigkeit wurde im Reisezugverkehr vor ca. 700 t schweren Zügen problemlos erreicht.

Auftretenden Kinderkrankheiten wurden im Laufe der Beschaffungen beseitigt und erforderten leichte konstruktive Änderungen. So wurde ab der ET 22-122 die Verbindung zwischen den Drehgestellen, Rahmen und Lokkasten geändert, um die auftretenden Vibrationen zu beseitigen. 1979 wurden zwei Lokomotiven zu Versuchsmaschinen mit Vielfachsteuerung als ET 22-501 und 502 (spätere ET 22-1001 und 1002) umgestaltet. Bereits in den Jahren 1975/76 wurden 23 Lokomotiven nach Marokko exportiert und technische angepaßt. Davon kamen 2003 elf Maschinen wieder retour.

Die ET 22 kamen auch zu privaten Eisenbahnverkehrsgesellschaften zum Einsatz, wie CTL, Rail Polska und PHU „Lokomotiv Bronislwa Plata. Aus der ET 22-315 ist die neue ET 22-2000 entstanden, die ab Juni 2004 als erste aufgearbeitete Maschine über modernisierte Drehgestelle sowie geänderter Primär- und Sekundärfederung zur Verbesserung der Laufeigenschaften. Als weitere Verbesserung ist der nachträgliche Einbau von Klimaanlagen in den Führerständen zu nennen. Bis 2011 wurden 48 Loks modernisiert und als ET 22-2000 bis 2047 in Betrieb genommen.


Modellvorstellung

Die Ankündigung dieser Neukonstruktion ist im Piko-Neuheitenblatt 2017 völlig unscheinbar enthalten. Nachdem der Sonneberger Hersteller seit Jahren den polnischen Markt positiv beackert, dürfte die Auslieferung dieser E-Lok-Type für die polnischen Modellbahner ein Freudenfest sein.

Piko hat für das laufende Modellbahnjahr zwei Varianten angekündigt, und zwar eine aktuelle Ausführung von PKP Cargo in dunkelblauer Lackierung unter der Artikelnummer 96330 zum UVP von € 169,99. Eine zweite Variante erscheint in der früheren Lackierung in hell- und dunkelgrün, die unter der Artikelnummer 96331 in den Handel gelangt.


Verpackung

Piko liefert seine Neukonstruktion in der üblichen Kartonverpackung ausgeliefert, aus welcher sich die transportsichere Plastikummantelung herausziehen läßt. Mit der seitlichen Entriegelung der fixen, passgenauen Plastikform ist das Modell zugänglich. An der Plastikummantelung klebt ein Zurüstbeutel mit Bremsschläuche, Trittstufen und Frontschürzen. Verschiedene Papiere wie Betriebsanleitung, Ersatzteilblatt, Werbebroschüren liegen dem Modell bei.

Technik

Die technischen Komponenten der neukonstruktierten PKP-Lokomotive sind unter dem aus Plastik gefertigten Lokgehäuse untergebracht. Das Gehäuse läßt sich durch einfaches auseinanderspreitzen der Rastnasen vom Metallrahmen nach oben abziehen.

Die Platine ist auf dem Metallrahmen zweifach befestigt und ruht auf der Kunststoffhalterungen. Die Platine ist mit einer 22poligen Schnittstelle nach NEM 658 ausgestattet. Das nicht digitalisierte Modell wird mit einem Brückenstecker ausgeliefert. Sound-Modelle sind derzeit keine geplant. Piko bietet jedoch den passenden Sound-Decoder unter der Artikelnummer 56369 zum UVP von € 109,99 inkl. Lautsprecher an, welcher nachträglich in die Steckleiste versenkt werden kann wie auch ein herkömmlicher Digital-Decoder (Artikelnummer 56123, UVP € 44,99).

Der Mittelmotor ist mit zwei großen Schwungmassen bestückt und wird vom Metallrahmen in der Fahrzeugmitte aufgenommen. Der Antrieb erfolgt beidseits über die Kardanwellen und dem kombinierten Schnecken-/Stirnradgetriebe auf beide Drehgestelle. Es werden dabei nur die jeweils äußersten Achsen angetrieben. Die Mittelachse jedes Drehgestelles ist auch bei dieser Neukonstruktion als Laufachse ausgeführt. Die zwei Haftreifen verteilen sich auf die jeweils innerste Achse des Drehgestelles bei einseitiger Anordnung. Die Stromabnahme erfolgt über alle Achsen. Eine Kurzkupplungskinematik wurde berücksichtigt.

Fahrverhalten

Das Modell bringt ein Eigengewicht von 505 Gramm auf die Waage. Das Vorbild hat eine Höchstgeschwindigkeit von 125 km/h. Messungen bei 12 V Gleichstrom ergaben umgerechnete Werte im Analogbetrieb von ca. 140 km/h. Die berechnete Modellgeschwindigkeit ist gegenüber der Vorbildgeschwindigkeit um ca. 12 % zu hoch, gegenüber dem NEM-Wert – unter Berücksichtigung der Erhöhung um 30 % – ist die Modellgeschwindigkeit um ca. 18 % zu langsam.

Optik

Die vorliegende Neukonstruktion ist in den Grundproportionen bestens getroffen. Das Modell besitzt eine Vielzahl erhaben dargestellter Teile wie Griffstangen, Führerstandsaufstiege (Vorsicht bei der Abnahme des Lokgehäuses!), Frontumläufe und die Windabweiser. Das Fahrzeuggehäuse ist sauber graviert. Die Fenster sitzen paßgenau in den Öffnungen sind sind in die Öffnungen eingesetzt. Piko hat den Führerstand nachgebildet, hinter den Seitenwandfenster befinden sich Maschinenraumimitationen. Sehr gut zur Geltung kommen auch die PKP-typischen Scheinwerfer an der Fahrzeugfront. Die Lüftergitter sind realistisch nachgebildet. Die Drehgestelle sind dreidimensional ausgebildet und weisen eine entsprechende Tiefenwirkung auf. Einzelne Achszylinder sind am Drehgestell extra angesetzt. Die Frontschürzen sind am Drehgestell angesetzt und schwenken bei Kurvenfahrt aus. Das Dach ist eine besondere Augenweide. Auch hier sind zahlreiche angesetzte Teile zu erkennen, die Stromabnehmer weisen zierliche Wippen auf.

Farbgebung und Beschriftung

Die als ET 22-854 bzw. 91 51 3 150 342-5 beschriftete Lokomotive wird in einer einheitlichen, dunkelblauen Lackierung ausgeliefert. Das Modell ist sauber lackiert und trägt eine gelbe Zierlinie, die sogar bei Unebenheiten an der Form sauber ausgeführt ist. Die Anschriften sind trennscharf aufgedruckt und entsprechen dem bekannten Niveau. Die Lokomotive gehört in dieser Ausführung der Epoche VI an. Sie gehört zur PKP Cargo Tabor und ist im Depot Ostrów Wielkopolski beheimatet. Das Revisionsdatum stammt vom 30.07.2012.

Beleuchtung

In die Neukonstruktion wurden warmweiße und rote SMD-LEDs verbaut. Das Spitzenlicht besteht aus drei weißen LEDs. Das Schlußlicht wird mit zwei roten LEDs dargestellt.


Bilder


Modellvorstellung 96331

Als zweites Modell dieser neukonstruierten, polnischen Elektrolokomotive erscheint unter der Artikelnummer 96331 zum UVP von € 169,99 eine Modellausführung der Epoche IV. Piko hat seinem Modell die Betriebsnummer ET 22-259 vergeben. Das Farbschema besteht aus den Grundfarben dunkelgrün, türkis, gelb, orange und hellgrau. Die technischen Eigenschaften entsprechen dem Modell der Erstauslieferung. Gegenüber dem Modell der PKP Cargo wurden entsprechende Formänderungen an den Stirnfronten vorgenommen. Die neue Silhouette ist vor allem durch die wuchtig hervorstehenden Konsolen für die Scheinwerfer gekennzeichnet. Am Fahrzeugrahmen ist das Revisionsdatum 30. April 1989 angeschrifen, das in der Werkstätte ZNLE Gliwice stammt. Die Beheimatung der Lok dürfte in Lodz Olechow Centrailna DOKP sein.


Bilder 96331