Artitec liefert „Groentewagen“ aus
Der niederländische Modellbahnhersteller Artitec, NL-1032 KE Amsterdam (www.artitec.nl) liefert als aktuelle Neuheit eine Wagenserie aus, die in den Niederlanden allgemein unter dem Übergriff „Groentewagen“ zusammengefasst sind. Das Wort „Groentewagen“ bedeutet soviel wie Gemüsewagen. Diese geschlossenen und gedeckten Güterwagen wurden ausschließlich für den schnellen Transport von leichtverderblichen Lebensmittel wie Gemüse oder Obst beschafft und waren ohne eine entsprechende Kühlanlage ausgestattet.
Das Vorbild wurde von den Niederländischen Staatsbahnen in einer Stückzahl von 3.390 Wagen zwischen 1944 bzw. 1947 bis 1956 beschafft. Die Wagen erhielten bei Ablieferung noch die fünfstellige Wagennummer sowie die Gattungsbezeichnung CHRP bzw. auch schon S-CHRP und S-CHR. In den 1950er oder frühen 1960er Jahren erfolgte dann eine Umnummerierung des Bestandes auf drei- bzw. vierstellige Wagennummern, dabei wurde die neue Gattungsbezeichnung S-CHR angeschrieben. Eine weitere Änderung erfolgte dann mit der Einführung der Computernummer ab Oktober 1964. Die Wagen erhielten die Gattungsbezeichnung Gls, Gs-v und nahmen die Nummerngruppen 121 0 bis 121 1 (Gs-v) bzw. 133 0 bis 133 2 (Gls) ein.
Die Niederländischen Staatsbahnen (NS) nahmen von diesem Wagentyp knapp 3.400 Fahrzeuge in Betrieb. In Anbetracht dieser hohen Stückzahl darf dieser Wagentyp für die NS als wichtiger Güterwagentyp betrachtet werden, dem sich Artitec nicht verschließen konnte.
Getreidetransport – ein geschichtlicher Abriß
Was für das Militär der Panzertransport ist, ist für die Landwirtschaft der Weitertransport von Getreide oder Stroh. Das jährlich gewonnene Getreide ist für die Eisenbahn ein äußert besonderes Ladegut. Wurde es ungedroschen verfrachtet, wurde viel Laderaum für wenig Gewicht benötigt. Im gedroschenen Zustand mußten irgendwie die Körner sinnvoll verpackt sein, um diese problemlos versenden zu können.
Die erste Möglichkeit, wie man Getreide sinnvoll transportieren kann, fand in der Befüllung oder Abfüllung von Säcken dar. Das gedroschene und somit lose Korn wurde zu geeichten Gewichten in robusten Jute-Säcken verladen. Somit war das lose Ladegut zumindest gut manipulierbar. Außerdem ließen sich die Jute-Säcke dank der Verformung auch gut verladen, indem die Getreidesäcke fein säuberlich an einer Wand aufgestapelt werden konnten. Außerdem sollte das Getreide auch im trockenen Zustand transportiert werden. Für den Verstand dieses Ladegutes kamen daher nur Gedeckte Güterwagen in Frage.
Eine andere Möglichkeit zur Versendung von Getreide stellten besonders konstruierte, ebenfalls ausgeführte Gedeckte Güterwagen dar, die im Fußboden spezielle Vorrichtungen für den Getreidetransport, speziell für die Verladung hatten.
Ein erster, dementsprechender Wagen wurde im sog. Universal-Güterwagen von Edmund Heusinger von Waldegg gefunden.
Der Universal-Güterwagen ist in der einschlägigen Literatur behandelt worden. Dazu ist folgendes zu wissen: „Das Untergestell ist ganz aus T- und I- Eisen hergestellt, die Langträger sind fischbauchartig verstärkt. Da diese Wagen gewöhnlich ohne Bremsen hergestellt werden, so können die Räder Schalenguss-Scheibenräder sein, während die Achsen aus Bessemetstahl bestehen.
Der 7 m lange Wagenkasten besteht aus 1,60 m hohen Seitenwänden mit je einer zweiflügeligen Türe in der Mitte von 1,50 m Breite und 1,0 m Höhe und 2,80 m hohen, oberhalb halbrunden Endwänden mit je einer Tür von 2,10 m Höhe und 1 m Breite. An den oberen halbrunden Teil dieser Endwände schließen sich halbrunde Blechverdachungen von 600 mm Breite an, welche teils mit den Seitenwänden, teils durch angenietete bogenförmige Winkeleisen mit den Endwänden verschraubt und durch einen kräftigen Balken in der First verbunden sind. Auf diesem Balken ist ein bewegliches Verdeck von wasserdichtem Segeltuch mittelst einer in der Mitte darüber genagelten Leiste befestigt, während an den beiden Enden dieses Segeltuchs je eine über die ganze Länge des Wagens reichende Stange eingenäht ist. Beim Herablassen legt sich das Segeltuch auf den glatten, halbrunden Blechverdachungen gut an und lässt sich an den vorspringenden Stangen mittelst angeschnallter Riemen dicht verschließen, ohne Wassersäcke, welche ein Durchsickern des Regenwassers veranlassen könnten, zu bilden; auch sind am oberen Teile des Kastens alle vorspringenden Teile vermieden, um ein Durchscheuern der Segeltuchdecke. zu verhindern. Letztere lässt sich beim Be- und Entladen sehr leicht über die eingenähten Stangen aufrollen und mittelst am Firstbalken angenagelter Riemen um diesen festschnallen.
Diese Wagen eignen sich durch die bequeme Zugänglichkeit der Ladetüren an 4 Seiten und durch Aufrollen der Verdecke, wobei auch ein Be- und Entladen mittelst Kran möglich ist, zum Transport von jeder Art Stückgütern, Getreide in Säcken, Rohprodukten, von Heu , Stroh, von Pferden, Rindvieh und von Kleinvieh (Schafe, Schweine etc.). Pferde und Rindvieh werden durch die hohen Türen in den Endwänden ein- und ausgebracht, während bei Kleinvieh-Transporten noch auf von Innen an die Seitenwände angeschraubte Leisten unmittelbar über den Seitentüren der doppelte Boden eingelegt wird, der aus 5 Platten besteht, die an den Hirnholzseiten mit Winkeleisen eingefasst sind. Außerdem werden die Seitenwände noch durch die Aufsteckbretter mittelst innerhalb angeschraubter eiserner Leisten erhöht. Beim Verladen von Kleinvieh wird zuerst die obere Etage durch eine der oberen Endtüren gefüllt und hier auf die untere Etage durch eine der Seitentüren verladen.“
Modellvorstellung
Im Programm von Artitec befinden sich bereits mehrere und unterschiedliche Ausführungen der sog. „Groentewagen“. Zur Auslieferung gelangten bisher Einzelwagen als auch Wagensets, die in den Epochen III bzw. IV ausgeführt wurden. Die Epoche III-Wagen liefert Artitec als Eilgutwagen in brauner bzw. in der ursprünglichen blaugrauen Lackierung aus. Bei den braunen Eilgutwagen werden sogar Varianten mit am Wagenkasten versehene gelbe Zierstreifen angeboten.
Etwas vielfältiger ist das Angebot bei den Epoche IV-Wagen. Der interessierte Modellbahner wird bei Artitec gewöhnliche Güterwagenausführungen in brauner Lackierung mit und ohne RIV-Abkommen ebenso vorfinden wie Bahndienstfahrzeuge wie einen Magazinwagen oder in Abwandlung als Kühlwagen bzw. mit und ohne Bremserbühne.
Im August 2014 gelangten neue Varianten zur Auslieferung. Für die Epoche III erscheinen zwei Dreiersets in der Ausführung als EUROP-Wagen mit den Betriebsnummern 4731, 4690 und 4637 (Art-Nr. 20.163.06) zum Preis von € 59,70 pro Set; weiters in der grauen Ausführung drei „Geelbander“ mit den Betriebsnummer 1090, 1202 und 1235 (Art-Nr. 20.162.19). Für die Epoche IV-Fahrer gelangten ebenfalls zwei Sets zur Auslieferung, und zwar einmal ein Wagenset, welche im EUROP-Wagenpool laufen (Art-Nr. 20.165.12), und ein Wagenset mit RIV-Kennzeichnung (20.165.10).
Aus derselben Bauform leitete Artitec noch ein Modell eines Kühlwagens ab, von dem ebenfalls drei verschiedene Modelle aktuell zur Auslieferung gelangen. Alle drei Modelle wurden als Epoche III-Modell ausgeführt, kosten je € 19,90 und haben eine RIV-Kennung. Der Kühlwagen mit der Artikel-Nr. 20.166.05 trägt die Aufschrift „Fyffes“ und ergänzt die bisherigen Ausführungen, gleiches gilt auch für den in neutraler Ausführung gehaltenen Kühlwagen mit der Art-Nr. 20.166.06. Hinter der Art.-Nr. 20.167.02 versteckt sich ein Kühlwagen der Kühlwagen-Gesellschaft Interfrigo als Beschriftungs- bzw. Nummernvariante.
Zum Modell:
Ein Blick auf den fein detaillierten und tief gravierten Wagenkasten lässt den Wagen als wahre Augenweide erscheinen. Der Hersteller versteht es, die Holzverkleidung, die Eisenverstrebungen und auch die Lüfterklappen fein säuberlich darzustellen. Gut sichtbar sind auch die Nietreihen, die sich über den gesamten Wagenkasten verteilen. Entgegen dem Trend, möglichst viele Bauteile extra anzusetzen, wurden bei diesen Wagen die Handgriffe an den Wagenecken angespritzt. Das Fahrwerk weiß ebenfalls zu überzeugen. Die Wagen werden mit isolierten Metallachsen geliefert und laufen im Betriebseinsatz tadellos. Beim genaueren Blick sind allerdings Abstriche bei der Detaillierung der Federpakete der Wagen festzustellen, indem auf die Imitation der einzelnen Federn verzichtet wurde, hingegen die Achslager wieder vollständig detailliert dargestellt wurden. Der Wagenboden ist vollständig mit allen Bremsleitungen ausgeführt. Positiv fällt die farbig dargestellte Bremstafel mit farblich abgesetzten Hebeln auf. Das glatte Dach wird nur durch die drei Lüfter aufgelockert, welche passgenau und fest eingelassen sind.
Dem Modell liegt an der Unterseite der Plastikeinlage ein Zurüstbeutel bei. Darin befinden sich unter anderem verschiedene Anbauteile wie Bremsschläuche, Verschiebertritte und Handgriffe. Eine kurze, in niederländischer Sprache gehaltene Baueinleitung ist mit Bildern illustriert, sodass man auch ohne ausländische Sprachkenntnisse gut zurecht kommt. Die Modelle werden in Kartonschachteln mit Sichtfenster ausgeliefert.
Als zweites Modell verdient noch der Kühlwagen (Art. 20.167.02) eine kritische Würdigung. Auch bei diesem Modell verdient Artitec absolutes Lob in der Modellausführung und Detaillierung. Das Fahrwerk und der Wagenboden entsprechen der Ausführung der „Groentewagen“.
Das Wagendach zeichnet sich nicht nur durch die glatte Oberfläche aus, sondern durch die Berücksichtigung von zwei Dachluken und der fünf zierlichen Dachlüfter auf der oberen Dachrundung. Für die Dachluken wurden an den Wagenenden zwei Stiegenaufgänge extra montiert. Die dazugehörigen Haltegriffe sind alle seperat am Modell angesetzt. Dies gilt auch für die in schwarzer Lackierung ausgeführten anderen Haltegriffe, die erst recht durch die weiße Lackierung des Wagenkastens besonders gut zur Geltung kommen. Apropos Wagenkasten, der durch seine Verstrebungen und die zierlich dargestellte Türe seine Aufmerksamkeit an sich zieht, immerhin ist der Verschluss einer Wagentüre bei einem Kühlwagen wesentlich aufwendiger darzustellen als bei einem gewöhnlichen Gedeckten Güterwagen. Auch hierbei verdient Artitec Lob und Anerkennung für die hervorragende Detaillierung dieser Wagenserie.
Beide Wagen weisen eine fein säuberliche Bedruckung auf, die trennscharf und gut deckend aufgetragen ist. Diese ist – unter Hinzunahme einer Lupe – sogar mehrfarbig sichtbar.
Information zum Hersteller
Der niederländische Hersteller Artitec zählt gerade im deutschsprachigen Raum nicht zu den bekanntesten Herstellern in der Modellbahnbranche, dafür kann sich aber das Programm speziell für den Heimmarkt sehen lassen, Artitec fertigte bisher eine Vielzahl an Modellen nach niederländischen Vorbildern. Dazu zählen nicht nur die typischen Triebwagen und Reisezugwagen, sondern auch das Güterwagensortiment, welches sich um rein niederländische Bauarten kümmert, wobei speziell das Segment der Militärfahrzeuge nicht unerwähnt bleiben soll.
Ich widme mich jetzt den aktuellen Auslieferungen, dem „Groentewagen“ sowie dem daraus abgeleiteten Kühlwagen. Beide Wagen sind aus Kunststoff gefertigt und können preislich einem vergleichbaren Großserienmodell bekannter Hersteller ohne weiteres mithalten. Der Käufer des Modells bekommt, um es vorweg zu nehmen, ein erstklassig detailliertes Modelle zu einem relativ günstigen Preis in die Hand.